Altena. Über „48 Jahre Veränderungen“ berichtet der Altenaer Unternehmer Thomas Selter am Dienstag auf Einladung des Kulturrings. Warum auch in Zeiten der Digitalisierung weiter gestrickt und gehäkelt wird, und warum ihn als Firmeninhaber ein Angebot aus China nicht reizt, erzählt Selter, Inhaber und Geschäftsführer des Nadelherstellers Gustav Selter, bereits heute im Interview mit LOKALSTIMME.DE. Der Altenaer, der Strick- und Häkelnadeln in alle Welt exportiert, ist bekannt für seine klaren Aussagen und seinen launigen Erzählstil.

Frage: „Luxus für die Hände“: Mit diesem Slogan werben Sie für die Strick- und Häkelnadeln ihrer Marke „Addi“. Da die Nadeln kein Schmuckstück, sondern ein Werkzeug für ein Hobby sind – was bedeutet der Slogan?
Thomas Selter: Darin spiegelt sich unser Anspruch, Qualitätsweltmarktführer zu sein wider. Damit meine ich, dass unsere Nadeln leichter, glatter, weicher sind mit perfekten Übergängen vom Seil auf die Spitzen und es sich mit ihnen schneller arbeiten lässt – sie sind das Beste, was ich bekommen kann. Das wollen wir damit ausdrücken.

Thomas Selter.
Thomas Selter.

Das Unternehmen Gustav Selter gibt es seit exakt 190 Jahren. Strick- und Häkelnadeln haben sich in dieser Zeit verändert?
Ja, und wie! Es gibt heute kaum ein Material, das bei der Herstellung nicht verwendet wird. Es gibt Nadeln aus Messing, Stahl, Aluminium, Bambus oder auch Stricknadeln mit Spitzen aus Olivenholz. Davon geht eine richtige Faszination aus, weil durch die Maserung im Holz keine Nadel aussieht wie die andere. Es werden dafür aber nur alte, nicht mehr tragende Olivenbäume verwendet. Und wir besitzen eine Reihe von Schutzrechten und Patenten, was für neue Entwicklungen spricht.

Stricken und Häkeln galten lange – vielleicht zu Unrecht – als bieder. Sind diese Handarbeiten wieder in?
Die Beliebtheit unterliegt immer einer Wellenbewegung. Eine schlimme Abwärtsbewegung gab es 1986: Ich hatte den Eindruck, dass niemand mehr stricken und niemand mehr gestrickte Pullover tragen wollte. Der Markt für Nadeln brach nahezu ein. Erst Anfang der 1990er-Jahre verbesserte sich die Situation wieder, beginnend in den USA. Dort entstand die Bewegung „Warming up America“: Das war ein Aufruf an die Schulen, die Schüler kleine Stoffstücke stricken zu lassen, die anschließend zu Decken für Obdachlose zusammengenäht wurden. Diese Aktion stieß auf breite Zustimmung. Auch nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA haben wir Absatzsteigerungen registriert – die Menschen suchten Sicherheit, blieben lieber zu Hause in ihren vier Wänden und fanden Zeit zum Stricken oder Häkeln. Heute ist die Biederkeit durch das Internet raus, es gibt viele Bloggerinnen als Vorbilder und das sind junge Frauen.

„Belegschaft um 60 Prozent aufgestockt“

Was ist derzeit das meist verkaufte Produkt der 1300 Artikel von Selter?
Die Rundstricknadel hat sich durchgesetzt und ist unser Hauptprodukt und wird ständig weiterentwickelt. Im vergangenen Jahr haben wir auf einem Bloggertreffen das Nadelset „AddiCrasy Trio“ vorgestellt – das ist eine Strumpfstricknadel mit drei statt bisher fünf Nadeln. Die Nachfrage war riesig. Wir haben wegen der großen Nachfrage die Belegschaft vorübergehend um 60 Prozent aufstocken müssen, mussten unsere Kunden anfangs vertrösten, weil die Lieferzeit so lange war. Dieses Jahr ist es die „Addi Novel“ – eine Rundstricknadel, die eckig ist. Ein super Verkaufshit.

Sie exportieren ihre Produkte in mehr als 50 Länder. Wie hoch ist der Exportanteil?
Der Exportanteil liegt bei 75 bis 80 Prozent, auch wenn der deutsche Markt massiv aufgeholt hat. Wir liefern auf alle Kontinente, außer nach Afrika. Der neuste Markt entsteht in Vietnam.

Stichwort Industrie 4.0: Was bedeutet die vierte industrielle Revolution, also die Digitalisierung, für Ihr Unternehmen?
Das Unternehmen ist immer noch eine Manufaktur. Die Produktion ist zwar automatisiert und maschinisiert, etwa bei der Materialzuführung, aber für die Herstellung einer Rundstricknadel sind 32 Arbeitsschritte notwendig, und das geht nicht voll automatisch. Die Digitalisierung hilft natürlich bei der Logistik und Lagerverwaltung. Was wir nicht haben und machen, ist ein eigener Onlineshop. Damit wollen wir den Einzelhandel schützen, der es heute schon schwer genug hat.

Wagen Sie einen Ausblick: Wird auch in einer durchdigitalisierten Welt mit Smartphones und 3-D-Druckern, wird in 15 Jahren auch noch gestrickt und gehäkelt werden?
Wenn etwas schon seit mehr als 2000 Jahren gemacht wird, wird es so schnell nicht zu Ende gehen. Stricken und Häkeln haben positive Merkmale, stehen für Kreativität und inzwischen für Gemeinsamkeit und Entschleunigung: Es gibt richtige Strickevents, etwa an den Rheinterrassen, zu denen tausende Teilnehmer kommen – und das sind keine 70-Jährigen. Der Bedarf für Stressreduktion und Wohlbefinden ist da. Deswegen wird das Handarbeiten eher zunehmen.

„Wollen ein Familienunternehmen bleiben“

Umwelt- und Klimaschutz sind derzeit Topthemen. Wie wichtig ist Nachhaltigkeit, also etwa Ressourcen zu schonen, für die Gustav Selter GmbH und wie lässt sich das umsetzen?
Nachhaltigkeit ist ein Riesenthema für die Branche. Es gibt aktuell die Aktion „Make me, take me“, die wir unterstützen und die dazu aufruft, Einkaufsnetze zu stricken oder zu häkeln oder zu nähen, um so auf Plastiktüten zu verzichten. In der Herstellung der Nadeln setzen wir auf nachhaltige Materialien und die Nadeln selbst halten extrem lange, zum Teil über Generationen.

China kauft, auf seinem Weg weg von der Werkbank der Welt zurück an die Spitze als Weltwirtschaftsmacht, immer häufiger Unternehmen auch in Deutschland auf oder erwirbt Anteile. Würde Sie ein Angebot aus China reizen?
Ich bin grundsätzlich offen für viele Ideen, aber wir sind ein Familienunternehmen und wollen es auch bleiben. Dazu passt ein Einstieg eines Investors aus China nicht.

Gab oder gibt es Überlegungen, das Unternehmen an einem Standort zusammenzuführen, vielleicht in einem neu ausgewiesenen Gewerbegebiet?
Das für mich kein Thema. Wir haben ausreichend Platz für Produktion, Logistik und die Verwaltung. Und die 50 Meter Distanz zwischen den beiden Standorten in Dahle ist nicht schwierig, sondern der Fußweg nützt sogar vielleicht der Gesundheit. Aber wenn wir weiter wachsen wird es vielleicht einmal spannend.

» Am Dienstag, 15. Oktober, erzählt Thomas Selter auf Einladung des städtischen Kulturrings in der Burg Holtzbrinck über „48 Jahre Veränderungen“. Die Veranstaltung beginnt um 19 Uhr. Der Eintritt ist frei; es wird um eine Spende für den Kulturring gebeten.

Das Unternehmen:
Gustav Selter GmbH & Co. KG, Altena-Dahle, gegründet 1829 als Stahlhäkelnadelhersteller. Branche: Eisen-, Blech-, Metallwaren. Mitarbeiter: rund 100. Inhaber und Geschäftsführer: Thomas Selter. Umsatz (nach eigenen Ang.): 8 bis 9 Millionen Euro.

Fotos: Björn Braun

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